23

June

DEUTSCHLAND. Kalte Erde

Komposition 1
Ein Stück – Drei Perspektiven
Im Mittelpunkt des Raumes steht ein schmaler Steg - der lange Lebensacker. An der einen Seite ein metallenes Podest, Gitter, im Hintergrund die Guillotine - der Ort der Macht. Ihm gegenüber spärliches Licht, Bretter, Säcke - ein Kerker (in Deutschland). Die Bühne - ein großes Kreuz inmitten der Zuschauer. Die Geschichte ist überliefert. Bauern aus Kornbach im Großherzogtum Hessen verüben einen Raub. Eine individuelle Tat. Sie fand vor 160 Jahren statt. Sie wurde mit dem Leben bezahlt. Anlass, auf Deutschland zu schauen. Anlass, Geschichten in dieser Geschichte zu entdecken. Anlass, Geschichte zu erzählen. Die Zeit zieht über die Köpfe hinweg. Ihre Gesetze machen immer andere. Die Macht schlägt zu. Trifft alle. Auch die Intelligenz der deutschen lande wird verjagt, verfolgt. In Deutschland weht ein kalter Wind. Unter allem fließt ein Strom, ein Rhythmus, ein Klang, ein fernes Rufen, das man bis heute hört. Die Geschichte des Postraubs (der Plan, die Versuche, das Gelingen und das Scheitern) ist der rote Faden der als Montage angelegten Inszenierung. In ihrem Mittelpunkt stehen die arbeitenden Bauern, ewig schweres Leben - ohne eigene Sprache, ohne Bewußtsein. Szenen strenger Choreographie. Aus den Bauern spricht Hölderlin. Sein streng rhythmisiertes Gedicht: ,,Menons Klage um Diotima". Es liefert das Zeitmaß. Für das Sprechen und für die Arbeit. Daraus ergibt sich eine tänzerisch anmutende Darstellung bäuerlicher Tätigkeit: der Grundrhythmus des Stücks. Ein Verweis auf die grundlegende Rolle der Bauern in der deutschen Geschichte. Die kritische Intelligenz präsentiert sich in verschiedenen Intentionen und Sprechweisen des Vormärzes (Börne, Heine, Büchner). Szenen brutaler Verfolgung ihrer geistigen Produktion bilden den Mittelteil der Inszenierung. Ein Verweis auf die vergeblichen Versuche kritischer Literaten, Einfluss auf die deutsche Geschichte zu nehmen. Die Macht, dargestellt in der Person eines Offiziers. Seine lineare Sprache zerschneidet die Vielfalt der anderen vorgeführten Reden und entspricht seiner kalten, gewalttätigen Absenz - Präsenz in allen Szenen. (Ulrike Rogowski)
„Das Leben ist eine Anarchie des Helldunkels: Nichts erfüllt sich je in ihm, und nie kommt etwas zu Ende; immer mischen sich neue Stimmen, verwirrende, in das Chaos jener, die schon früher klangen. Alles fließt ineinander, hemmungslos, in unreiner Mischung; alles wird zerstört und alles zerschlagen, nie blüht etwas bis zum wirklichen Leben. Leben: das ist, etwas ausleben zu können. Das Leben: Nie wird etwas vollkommen ausgelebt. Das Leben ist das Unwirklichste und Unlebendigste allen denkbaren Seins." Nur der Kunst und in der Kunst, so Georg Lukacs; der diese Zeilen 1911 veröffentlichte, sei eine homogene Form der konturlos verschwimmenden alltäglichen Widersprüche möglich. Die Nahrung des Lebens ist die Zeit. ,,DEUTSCHLAND. KALTE ERDE - Komposition 1" macht ein kleines Stück scheinbar weit zurückliegender Vergangenheit lebendig. Anfang des 19. Jahrhunderts im kleinstaatlich zersplitterten Deutschland. Aus seiner Enge fliehen viele nach Amerika. Das Glück liegt in der Fremde. Einige Bauern suchten es auf der Straße. Ein Raubüberfall, ein letztes Aufbäumen, um das Joch der Ausbeutung zu mildern. Vergeblich. Dies das Motiv des Stückes. Die Form ist eine Montage, die die auf den ersten Blick unzusammenhängenden Widersprüche jener Zeit bändigt, ohne sie zu zähmen. Eine Komposition von Spannungsverhältnissen. Ihre Elemente: Sprache und Körper, objektive Gegenstandswelt und subjektive Anschauung, Ordnung und spontane Empfindung, vergangene Geschichte und unausgesprochene Gegenwart - Dissonanz. Das Leben im Gestern, vergangene Individualität scheint nur im Überlieferbaren, in Zeugnissen, Texten, Zitaten auf. Hölderlins traurigschöne Elegie „Menons Klage um Diotima" aus dem Munde von Bauern während ihres stumpfen Tagwerks. Die Mühsal körperlicher Arbeit und die ihr widersprechende des Schreibens, des lyrischen Sehnens verschmelzen auf der Bühne im Rhythmus melancholischer Bilder. Auch in der Heimat liegt das Glück in der Fremde. Für viele kritische Literaten des Vormärzes wurde die Heimat tatsächlich zur Fremde. Zensur und restaurative Obrigkeit zwangen sie ins Exil. Von dort dringen ihre Stimmen zwar noch bis zur Gegenwart, in Deutschland hörten sie damals jedoch nur wenige. Der entbehrungsreichen Arbeit der Bauern entspricht die entsagungsvolle des Schreibens. Texte stehen für wirkliches und für verwirklichtes Leben. Auch die Macht kennt ihren Text: Metternichs Begründung der Freiheit auf einer stabilen Ordnung, Freiheit als lügendurchtränkte Ideologie. Der sich ausdehnende kapitalistische Markt und die Vorstellung des Glücks als dessen Verlängerung ins Private kann bald auf die Lüge jener Freiheit verzichten. Im Leben erscheint nichts Abgetrenntes mehr. Eine armselige Zufriedenheit, in der nur noch die Angst lebt, das Erreichte zu verlieren. Die Verse Hölderlins, die auf der Bühne in den Bauern leben, machen dagegen die Sehnsucht nach einem anderen Glück anschaulich. Ein Glück, das leben will. (Harry Merkle)
Ein deutscher Herbst. 1819. Zum Beispiel. Ein Zentralgefängnis für Demagogen, eine Zentraluntersuchungskommission zur Erfassung revolutionärer Umtriebe und demagogischer Verbindungen, Überwachung der Universitäten, Pressezensur, Bücherverbot. Ein deutscher Herbst. 1821. Zum Beispiel. Die Erde ernährt nicht ihren Mann, sie gehört immer den Anderen. Verarmte Bauern. Elend. Schikanen. Angst. Ein reisender Händler hat eine Idee. Dem Elend ein Ende setzen. Zu Reichtum gelangen. Ein paar Bauern aus einem oberhessischen Dorf horchen auf. Ein deutscher Herbst. 1822. Zum Beispiel. Selbst bei allergrößter Umsicht wird es ihnen ihre Armut nicht erlauben, diese Schätze verborgen zu halten. Eine Fahndung wird erfolgreich abgeschlossen. Moderne kriminalistische Methoden. Ein Bauer, der sein Saatgut bezahlen kann, ist verdächtig. Unter dem Verdacht, den Überfall auf den Postwagen mit Steuergeldern begangen zu haben, werden ein paar Bauern aus einem oberhessischen Dorf in das Gefängnis zu Gießen gebracht. Ein deutscher Herbst. 1823. Zum Beispiel. Ein Spitzelsystem funktioniert. Razzien. Massenverhaftungen. Intellektuelle, Publizisten, Studenten werden verfolgt. Ein Bauer aus einem oberhessischen Dorf gesteht im Gefängnis zu Gießen nach monatelangen Spezialverhören den Überfall auf den Postwagen.
Ein deutscher Herbst. 1824. Zum Beispiel. Ein Urteil wird vollstreckt. Auf dem Marktplatz zu Gießen werden ein paar Bauern aus einem oberhessischen Dorf mit dem Schwert hingerichtet. Ein deutscher Herbst. 1830. Zum Beispiel. Ein Signal aus Frankreich. Hoffnung. Kraft. Aufbruch. Eine Allianz hat Erfolg. Dem Adel gelingt es mit der Unterstützung des Besitzbürgertums alle aufflammenden Unruhen zu zerschlagen. Eine Suche nach dem Sehschlitz in die Zeit nach dem Anderen in der Wiederkehr des Gleichen Ein Stück über die Wiederkehr des Gleichen im Anderen über Freiheit und Not über den Moment, in dem die Sehnsucht nach einem besseren Leben die Angst überwunden hat über große Gedanken und kleine Leute über das Land, in dem wir leben (Rolf Michenfelder)