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June

Lonely dogs feel so blue

Seit Jahren arbeitet die Marburger Theaterwerkstatt in ihren Stücken daran, gesellschaftliche Befindlichkeiten anhand der Wahl sehr spezieller Blickwinkel und Zugriffsweisen zu untersuchen. Das neue Projekt "Lonely dogs feel so blue" widmet sich der Frage nach dem Zustand der zwischenmenschlichen Kommunikation und dem fortschreitenden Verlust der Fähigkeiten zu einem kreativen, neugierigen und solidarischen Miteinander. Ausgangspunkt der Bearbeitung sind dabei auch aktuelle Schlagworte und öffentliche Begriffsbildungen wie "zunehmendes gesellschaftliches Aggressionspotential", "Aufkündigung der Solidarität", "Isolierung des Individuums" oder "In unendlicher Öffentlichkeit - unendliche Einsamkeit". Der spezielle Blickwinkel ist das Verhältnis des Menschen zu seinem ältesten Hausgenossen, dem Hund, das als integrativer Bestandteil gesellschaftlicher Entwicklungen auf zivilisatorische Prozesse in der Art eines Zerrspiegels zurückverweist. Ob als bester Freund, als Katalysator zwischenmenschlicher Kommunikation, als Kompensation von nicht erfüllten Glücks- und Gefühlsversprechen des Alltags, als vermenschlichtes Ideal eines Lebensgefährten, als Indikator einer zunehmenden Gewaltbereitschaft oder einfach nur als vierfüßige Alltagserscheinung, der Hund in seiner spezifischen Beziehung zum Menschen dient der Marburger Theaterwerkstatt als Seismograph für die zu untersuchende gesellschaftliche Befindlichkeit. Im Prisma der Hundehaltung werden Strukturmerkmale der menschlichen Gesellschaft beleuchtet und hinterfragt.
Hunde sind nicht irgendwer. Da gibt es Moppel, den Poeten, Kid, den Weltrekordhalter und Trägemanns Metallsuchhund Babsi. Und Apollo („Keiner geht so weit wie er“). Außerdem sind da Spürhunde, Dienst- und Gebrauchshunde, Schoßhunde, Kampfhunde, brave Hunde, feige Hunde. Hund sind die besseren Menschen. Das weiß Moppel. „Du solltest nicht so tun, als könntest du mit den Menschen allein glücklich werden. Der reine Selbstbetrug! Besorg dir einen Hund! Begib dich endlich in die richtige Gesellschaft! Hör auf zu versauern in Gegenwart von Menschen!" So spricht Moppel, der allerdings im Stück nicht vorkommt. Dafür aber all die anderen. Außerdem der Hund von Herrn Weber („aus dem Stehgreif von Null auf Hundert, wunderbar!“) und der Hund der den Ast beißt, bis die Kiefer versagen. Vor allem aber Lonely Dogs aller Art. Hunde wie wir. Menschen kommen selbstverständlich auch vor. Aber sicher. Um sie geht es schließlich.
Mit: Sigrid Giese, Ralf Knicker, Rolf Michenfelder, Claudia Weiss