19

September

Wir im Finale

2005
(Marc Becker)
Sind wir ehrlich, die Ausgangsposition ist denkbar schlecht:
Die Bildung, das Wachstum, die Binnennachfrage, die öffentlichen Haushalte, alles liegt im argen, Deutschland belegt die hinteren Plätze, Deutschland würde heute nicht einmal mehr in die EU aufgenommen werden. Und bei der Europameisterschaft sind wir mal wieder ausgeschieden, mal wieder frühzeitig, die anderen waren mal wieder besser, sie waren moderner, flexibler, schneller, wacher, weniger blockiert, lockerer, ...
Aber 2006, da gilt es: Die Bundesregierung hat ihre ersten 100 Tage hinter sich, das Land wartet auf den Ruck, und falls er nicht kommen will, gibt es immer noch die WM und das Spiel der Spiele in Berlin.
Aber 2006 dräut auch wieder einmal die deutsche Grundstellung: 
Wir im Finale. Wie immer gegen einen übermächtigen Gegner. Nibelungenschicksal.
german stage service widmet sich diesmal also richtigerweise dem Fußball. 
Es ist nur ein Spiel, aber gerade weil es das ist, kann man damit so gut Ernst machen. Der Anpfiff weckt Deutschland aus dem Schlaf. Jeder Schuss aufs Tor ist eine ballgewordene Kollektiverwartung mit ungewissem Ausgang.
Wir im Finale kümmert sich um Spielstände, Fouls, Steilpässe, Eckbälle, Taktiken, Auswechslungen, Tore, Fehlpässe und vor allem um die daraus resultierenden Euphorien, Depressionen, Aggressionen und Verbrüderungen. Der Text ist eine vielstimmige Beleuchtung von Gemütslagen, von Stagnationsbefindlichkeiten und Aufbruchssehnsüchten, es ist eine Partitur zur Lage der Nation.
Es geht um alles und alle: Werden wir es schaffen, werden wir das Unschaffbare möglich machen?
Wir im Finale versucht, der nationalen Gehhilfe Fußball auf die Stollen zu schauen. Deutschland im Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft gegen einen übermächtigen Gegner. Die ganze Nation spielt mit, das ganze reformgestaute Land lebt und leidet mit den 11 Helden im weißen Jersey.
german stage service nähert sich der gestellten Aufgabe mit heiligem Ernst. Nur so kann man sich gleichzeitig auch köstlich amüsieren.