19

September

WAS VERGEHT WIE TAGE

(nach Texten von Herta Müller)
Herta Müller: Überall, wo ich bin, hat alles, was sich da befindet, den Riß. Durch ihn sieht man, was einmal, was zweimal, was noch einmal vielfach unter der Oberfläche liegt: darunter. Daß ich manchmal durch diesen Riß schau, und es gar nicht weiß, macht mich für Augenblicke leichtsinnig. Macht jedoch den Riß nicht ungültig. Mein Leichtsinn überträgt sich nicht auf ihn. Oder nur kurzweilig und scheinbar. Der Riß taucht wieder auf, unerwartet, auch, wenn ich ihn erwarte. Immer verändert, wie ein Rückschlag erreicht mich der Riß, als ob ich inEile wär. Ich breche ein, wo alles an der Oberfläche glatt ist. Ich weiß das jedesmal ein bißchen, und ein bißchen mehr vielleicht, weiß ich es nicht. Doch der Riß ist zuverlässig und beständig. So wird mir der erwartete, unerwartete Abbruch des Geschehens zum einzigen, was dieses Geschehen zusammenhält. Der Abbruch ist die Chronologie und die Kontinuität des Geschehens. Wo Menschen miteinander sind, ist der Riß am deutlichsten im Lachen. Und im Sprechen ist er deutlicher als im Schweigen. Wo alles, was geschieht so aussieht, als würde es sich ergeben, wo der Riß nicht aufzuscheinen, nichts zu suchen hätte, besetzt er erst recht seinen Platz. Da wir überall und immer in allem, was wir tun und nicht tun, nur das eine, einzig Mögliche können - was innen ist nach außen tragen - tragen wir, was innen ist, in die Gegenstände. Die helfen uns, nachzuvollziehen, was wir getan haben, da wir sie verändern. Uns selber nicht. Und wenn, dann ist auch das nur ersichtlich, wo die Haut zuende ist - in den Gegenständen. Wo der Riß im Geschehen auftaucht, stellen die Gegenstände sich hinein. Sie werden übergroß. Ihre einzelnen Teile werden größer als das Ganze, weil sie für sich selber dastehn. Situationen, die das Gewohnte bewußt aus den Angeln heben, die sich schon durch ihre Absicht nach dem Ungewohnten sehnen, werden Feiertage oder Trauertage genannt. Sie treiben in die Schwebe. An diesen Tagen, oder für diese Tage werden Gegenstände zusammengetragen an einen Ort. Diese Gegenstände sollen den Ablauf des Geschehens bestimmen. Die Gegenstände der Trauer und die Gegenstände der Freude ähneln sich. Sie sind auf gleiche Weise kalt und stumm, wie sie sinnlich und lasziv sind. Ein Strauß weißer, zerfledderter Blumen steht zwischen den Schläfen des Brautpaars, hängt zwischen dem winkenden Arm und dem fahrenden Zug beim Abschied, steht über dem Gesicht des aufgebahrten T ten. Der Strauß weißer, zerfledderter Blumen nimmt die Ehe auf sich, nimmt den Abschied vom Bahnhof auf sich, nimmt den Tod auf sich. Er ist ein Gegenstand, durch den Menschen das, was innen ist, nach außen tragen.
Er ist im Traum ein Bild, denn er geht mit in den Schlaf. Und er geht nach dem Erwachen mit hinein in den Tag. Wirklicher und größer, da er unter der Schädeldecke getragen wird, und nicht dort steht, wo die Haut zuende ist. · Die Gegenstände deuten an, was wir von innen nach außen tragen. Deutlich machen wollen sie das nur, wenn wir bereit sind, den Riß zu sehn. Überdeutlich werden sie jedoch jedesmal, wenn ein Mensch verschwindet. Dann bleiben Gegenstände zurück. Stur und gleichgültig zeigen Gegenstände, wenn es einen Menschen nicht mehr gibt, daß sie weder die Toten noch die Lebenden brauchen. Auch der zurückbleibenden Gegenstände wegen wird das Verschwinden eines Menschen zum Skandal. Herta Müller schrieb diesen Text über 'Die Grabrede" für die Inszenierung von „Was vergeht wie Tage"
Dramaturgie: Harry Merkle Mit: Brigitta Gamm, Sigrid Giese, Ute Stratemeier, Peter Walerowski / Gerry Sheridan, Claudia Weiss