19

September

Ich weiß etwas von dir,was du nicht mehr weißt

2008
Ein „Audio-Projekt“ (Hörspiel, Audiotour) / Die Stadt als realer Bühnenraum 
Eine mögliche Geschichte:
In einem Cafe sitzt eine Frau (ein Mann). Das Gesicht in die Hände gestützt, die Augen geschlossen, eine leere Espressotasse vor sich. 
Ich spreche sie an, ich setze mich zu ihr, ich warte, ich erfahre, dass ihre große Liebe sich entschlossen hat, die Beziehung für eine unbestimmte Zeit zu verlassen und jetzt mit unbekanntem Ziel weggefahren ist. Ob, wann und wie sie sich wiedersehen, ist ungewiss. Wir treffen uns danach öfter, wir freunden uns an und meistens streifen wir stundenlang durch die Stadt. Auf diesen Wanderungen erfahre ich viel über die Art und Intensität dieser Liebe, ich erfahre von gemeinsamen Erlebnissen, von gemeinsamen Unternehmungen, von besonderen Momenten, und vor allem lerne ich die Wege und Orte in der Stadt kennen, an denen sich diese Liebe abgespielt hat. Eines Tages erzählt sie mir, dass ihre große Liebe sich wieder gemeldet hat, dass sie zurückkommt und dass sie sich an dem selben Ort wiedersehen werden, an dem sie sich auch kennengelernt haben. An dem Tag des geplanten Wiedersehens bittet sie mich, sie zu dem Treffpunkt zu begleiten, sie sei zu aufgeregt, um allein zu sein. Wir streifen noch einmal durch die Stadt, wir gehen zum Treffpunkt, wir verabschieden uns, wir winken uns noch einmal zu. Was dann geschehen ist, weiß ich nicht. 
Als ich sie viele Monate später wiedersehe, erkennt sie mich nicht. Sie kann sich nicht an mich erinnern, nicht an unsere Wanderungen, nicht an ihre große Liebe und nicht an den Tag, an dem sie sich treffen wollten. Sie kann ihr Leben organisieren, sie weiß noch alles über die Welt, sie kann noch genauso gut Fahrrad fahren, nur an sich selbst und an ihre Erfahrungen kann sie sich nur bruchstückhaft erinnern. Ich weiß nicht, was geschehen ist, ich weiß nur, dass sie in München aufgegriffen wurde, ohne dass sie weiß, wie sie dorthin gekommen ist. In wissenschaftlichen Büchern lese ich etwas über „dissoziative Fugue“ und über psychogene Amnesie. Aber ich weiß es nicht.
Diese Geschichte ist die Folie, auf der sich das  „Audio-Projekt“ „Ich weiß etwas von dir, was du nicht mehr weißt“ entwickelt.
Die Teilnehmer finden sich einzeln in dem Cafe ein, in dem auch die Geschichte begonnen hat. Sie spielen ab hier den Part der Person, die sich nicht mehr an die Geschichte erinnern kann. Sie werden im Cafe an eben jenen Tisch gesetzt, sie bekommen einen Espresso serviert. Dann erhalten sie einen MP3 Player, den sie anschalten. Sie werden gebeten, das Gesicht in die Hände zu stützen und die Augen zu schließen. Dann überlassen sie sich der Stimmung des Hörstücks und der fremden Stimme, die von dem MP3 Player zu ihnen spricht. Die Stimme gehört dem „Ich“, das sich damals an den Tisch gesetzt hat und das die Geschichte der großen Liebe auf den Wanderungen durch die Stadt erfahren hat. Gemeinsam mit ihr und geführt von ihr brechen sie zu einer Erkundungsreise auf. Die Stimme geleitet jeden Teilnehmer einzeln durch Straßen, Hinterhöfe, Gärten und über Plätze, Friedhöfe, Fabrikanlagen. Es ist eine Erkundungsreise in den Stadtraum, zu den Orten, die mit den Erlebnissen der großen Liebe verbunden sind und es ist eine Reise in den mentalen Raum, zu den Erinnerungen an diese Erlebnisse und Erfahrungen, die aber aus dem Gedächtnis verschwunden sind. 
Der theatral und akustisch erzeugte Raum und der real erblickte und erlaufene Raum überlagern sich und beeinflussen und verändern sich gegenseitig.